Malu Dreyer: „Deutschland braucht Einwanderungsgesetz“

Ministerpräsidentin beim Wirtschaftsforum der Volksbanken und Raiffeisenbanken – Demografieexperte Raffelhüschen liest Politik die Leviten

Für Ministerpräsidentin Malu Dreyer ist eine gesteuerte Zuwanderung entscheidend, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Auch die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt müsse erleichtert werden. Mit einer Landesstrategie für Fachkräfte und dem bundesweit einzigen Demografieministerium setze sie einen Schwerpunkt für die Zukunftsfähigkeit von Rheinland-Pfalz. Dreyer sprach vor rund 500 Unternehmern. Die Volksbanken und Raiffeisenbanken in Rheinland-Pfalz hatten zum Wirtschaftsforum „Mittelstand der Zukunft: Leben und Arbeiten im Jahr 2030“ in die Jugendstil-Festhalle in Landau eingeladen. Scharfe Kritik an der Politik übte Demografieexperte Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen. Die Rente mit 63 und die Mütterrente seien „Absurdität hoch drei“.

Wirtschaftsforum der Volks-und Raiffeisenbanken (v.l.n.r.): Dr. Stefan Bergheim, Direktor der gemeinnützigen Denkfabrik „Zentrum für gesellschaftlichen Fortschritt“ in Frankfurt am Main, Christoph Ochs Vorstandvorsitzender der VR Bank Südpfalz, Moderatorin Inka Schneider, Frank Weber, Inhaber und Geschäftsführer des Bella Vitalis Gesundheitszentrum in Edenkoben und Demografieexperte Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen.

„Deutschland ist längst ein beliebtes Einwanderungsland, hat aber immer noch kein Zuwanderungsgesetz“, kritisierte Dreyer. Angesichts des demografischen Wandels brauche Rheinland-Pfalz Zuwanderung. Als weiteren kritischen Faktor für die Zukunft, besonders der ländlichen Regionen, sieht Dreyer die Digitalisierung: „Kein junger Mensch wird bleiben, wenn er nicht weltweit kommunizieren kann.“ Mit einer Breitbandstrategie für ihr Bundesland trage sie dieser Tatsache Rechnung. Als Pluspunkte für den Standort Rheinland-Pfalz nannte die Ministerpräsidentin die enge Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft, die Infrastruktur mit dem dichtesten Straßennetz, das im Ländervergleich hohe Niveau der Bildung sowie den Wachstumsmarkt Tourismus.

Auf neue Geschäftsfelder vor dem Hintergrund des demografischen Wandels wies Bernd Raffelhüschen hin. „Jeder von uns lebt heute vier bis fünf Jahre länger als die Elterngeneration“, sagte der Freiburger Wissenschaftler und Regierungsberater. Die nächsten zwei Jahrzehnte werde es keine abnehmende, sondern eine älter werdende Bevölkerung geben. „Die Langlebigkeit bedeutet, dass drei Viertel als Pflegefall von der Welt gehen werden. Auch ein extremer Anstieg der Demenz steht bevor.“ Raffelhüschen erwartet große Marktpotenziale für Leistungsangebote rund um den Alterungsprozess. Um den Arbeitsmarkt zu entlasten hält er es für unabdingbar, dass im Durchschnitt drei bis vier Jahre länger gearbeitet wird als derzeit. Die Rente mit 67 sei deshalb ein richtiger Weg gewesen. „Angesichts dessen ist die Rente mit 63 das Dümmste, was man machen kann.“ Zudem würden ohnehin privilegierte Rentner so noch etwas dazu bekommen, kritisierte der Experte die Maßnahmen der Bundesregierung: „Das Geschenk geht an Edel-Facharbeiter“. Mangelnde Zielgenauigkeit bescheinigte er auch der Mütterrente.

Zur Eröffnung des Wirtschaftsforums hatte Christoph Ochs, Vorstandsvorsitzender VR Bank Südpfalz eG, betont, Rheinland-Pfalz werde vom Mittelstand getragen. Ziel der Volksbanken und Raiffeisenbanken als Partner des Mittelstands sei es, den Kunden aus Industrie, Landwirtschaft, Handwerk, Handel und Gewerbe eine wirtschafts- und gesellschaftspolitische Plattform zu bieten: „Aus Sicht der kleinen und mittleren Unternehmen sind vor allem die zukünftigen ordnungspolitischen Rahmenbedingungen von großem Interesse.“ Mit dem Thema „Leben und Arbeiten im Jahr 2030“ greife man zentrale Trends auf: So erfordere die wachsende Urbanisierung neue Konzepte für Mobilität. Gleichzeitig sei die Entvölkerung abseits der Metropolen eine große Herausforderung.

Das Leben und Arbeiten in 15 Jahren stand im Mittelpunkt einer Gesprächsrunde mit Raffelhüschen sowie Dr. Stefan Bergheim, Direktor der gemeinnützigen Denkfabrik „Zentrum für gesellschaftlichen Fortschritt“ in Frankfurt am Main, und Frank Weber, Inhaber und Geschäftsführer des Bella Vitalis Gesundheitszentrum in Edenkoben. Weber sieht sich mit Programmen für Ältere als Trendsetter im Gesundheitsmarkt: „Wenn Sie gesund in Rente gehen wollen, bin ich der richtige Ansprechpartner.“ Mit Angeboten u. a. für Rücken, Gelenke oder Diabetiker schaffe er die Grundlagen für eine „Qualitätsverlängerung des Lebens.“ Stefan Bergheim arbeitet an neuen Wegen, wie die Lebensqualität der Menschen in Deutschland verbessert werden kann, u. a. als Begleiter der Regierungsstrategie „Gut leben in Deutschland" im wissenschaftlichen Beirat. Mit Blick auf den Fachkräftemangel müssten „die Unternehmen bessere Voraussetzungen bieten, damit die Menschen mit Freude länger arbeiten. Derzeit sind nur ca. 15 % mit dem Herzen dabei. Weitere 15 % haben innerlich gekündigt, der Rest macht Dienst nach Vorschrift.“

Einigkeit herrschte in der Runde über die wachsende Bedeutung der Work-Life-Balance. Die sogenannte „Generation Y“, also die heute 20-25-jährigen, stelle hier im Vergleich zu ihrer Vorgängergeneration in den achtziger Jahren deutlich höhere Anforderungen. Aufgrund des Bewerbermangels als Folge des demografischen Wandels müssten sich Unternehmen heute stark auf solche Bedürfnisse einstellen.